Oberschlesien und sein kulturelles Erbe -
- Erinnerungspolitische Befunde, bildungspolitische
Impulse und didaktische Innovationen

Die Grenzziehung in Oberschlesien war – vor allem im industrialisierten Teil der Region – ein äußerst kompliziertes Unterfangen. Vielerorts hatte die deutsch-polnische Grenze einen eigenartigen Verlauf.

 

Koschwitz und Koschmieder

Seit Juni 1922 gehörte das ganze Dorf Koschmieder im Kreis Lublinitz zu Polen. Im Mai 1923 wurde die Grenzlinie verschoben, so dass der westliche Teil der Ortschaft im Mai 1923 zurück an Deutschland fiel und offiziell den Namen Koschwitz erhielt. Seitdem verlief die Grenze entlang einer Dorfstraße; die Bauernhöfe westlich dieser Straße befanden sich nun auf deutschem Gebiet, jene auf der östlichen Straßenseite verlieben bei Polen.

 

Larischhof

Die zur Ortschaft Larischhof gehörige Schule befand sich auf dem Gebiet der angrenzenden Gemeinde Rybna. Da das letztere Dorf 1922 an Polen fiel, gehörte auch die Schule fortan offiziell zu Polen. Nach einer kurzen Zeit wurde das Schulgrundstück wieder an Deutschland angegliedert. Vier Wochen lang hatten Kinder aus dem deutschen Larischhof allerdings eine polnische Schule besucht.

 

Rudahammer

Die zwischen Hindenburg und Beuthen gelegene Ortschaft Rudahammer, die heute ein Stadtteil von Ruda ist, wurde 1922 polnisch. Von drei Seiten war sie jedoch von deutschem Gebiet umgeben. Zwischen 1922 und 1929 verkehrten im Rahmen des sog. privilegierten Durchgangsverkehrs deutsche Straßenbahnen zwischen dem deutschen Hindenburg und dem deutschen Beuthen über das polnisch gewordene Rudahammer. Die Durchfahrt durch polnisches Territorium erfolgte mit abgeschlossenen Türen und unter den wachsamen Augen polnischer Beamter. 1929 wurden parallel zu der alten Chaussee auf dem deutschen Gebiet eine Umgehungsstraße und eine neue Straßenbahnstrecke gebaut, so dass die deutsche Seite fortan nicht mehr auf Transit angewiesen war.

 

Beuthen

Nach der neuen Grenzziehung wurde das ca. 60.000 Einwohner zählende Beuthen zu einer europäischen Sehenswürdigkeit. Die Stadt bildete eine deutsche „Halbinsel“, die von drei Seiten von polnischem Territorium umgeben war. Vom Marktplatz konnte ein Grenzgänger den nächstgelegenen Grenzübergang in nur etwa 15 Minuten zu Fuß erreichen. Zwischen 1922 und 1937 verkehrten im Rahmen des sog. privilegierten Durchgangsverkehres über den Beuthener Stadtteil Rossberg polnische Straßenbahnen, die das polnische Kattowitz mit dem polnischen Piekar verbanden. Über Beuthen fuhren ferner mehrere polnische Transitzüge von Kattowitz nach Tarnowitz und Lublinitz.

 

Gureck und Summin

Der Bahnhof im polnischen Summin (Kreis Rybnik) lag direkt an der Grenze. Das Abtrennen der hinter dem Bahnhof gelegenen Gleise hätte das Rangieren und damit auch das normale Funktionieren dieses polnischen Eisenbahnknotens unmöglich gemacht. So wurden die mitten durch das deutsche Gureck (Kreis Ratibor) führenden Gleise Polen zugeteilt. Damit entstand ein rund ein Kilometer langer Keil, der sich ins deutsche Gebiet schob. 

 

Delbrück-Grube, heute Kopalnia Makoszowy

Erst 1923, ein Jahr nach der neuen Grenzziehung in Oberschlesien, fiel die Entscheidung über die staatliche Zugehörigkeit der Delbrück-Grube, die zwischen dem deutsch gebliebenen Hindenburg und dem polnisch gewordenen Makoschau lag. Am Ende verblieb das Bergwerk bei Deutschland, die Grenze verlief jedoch teilweise entlang der Umzäunung der Grube und das Haupteingangstor wurde bis 1939 als Grenzübergang genutzt. 

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