Oberschlesien und sein kulturelles Erbe -
- Erinnerungspolitische Befunde, bildungspolitische
Impulse und didaktische Innovationen

Weder die deutsche noch die polnische Seite wollte das seit Jahrhunderten zusammengewachsene Gebiet so durch eine undurchlässige Grenze abriegeln, wie dies z.B. im polnisch-sowjetischen Grenzraum geschah. Wenngleich ab Jahresmitte 1922 selbst nahe Verwandte oft zu Bürgern unterschiedlicher Staaten wurden und die Arbeitsplätze Tausender Oberschlesier sich aus der Perspektive ihres jeweiligen Wohnortes im Ausland befanden, so ermöglichten es die auf Grundlage der Genfer Konvention über Oberschlesien vom Mai 1922 eigens eingeführten Verkehrskarten den Einwohnern beider Teile der Region, grenzüberschreitende Reisen innerhalb des gesamten ehemaligen Abstimmungsgebiets ohne Reisepass und Visum zu unternehmen. Damit war die deutsch-polnische Grenze in Oberschlesien zwar ein Hindernis für Handel und Warentransport, nicht aber für die Kontakte zwischen den Einwohnern der deutschen Provinz Oberschlesien und der polnischen Woiwodschaft Schlesien.

Die Verkehrskarten eröffneten freilich auch Missbrauchsmöglichkeiten. So konnten polnische Karteninhaber nach dem Passieren der Grenze mit etwas Glück ohne größere Probleme bis nach Breslau, Berlin oder Frankfurt reisen. Dasselbe galt umgekehrt für deutsche Staatsangehörige, die mit ihren Verkehrskarten theoretisch bis Krakau oder Lemberg fahren konnten. Aus diesem Grunde wurden in deutschen und polnischen Zügen auch auf Inlandsstrecken fremdsprachige Fahrgäste gelegentlich zusätzlich kontrolliert.

Diese Bestimmungen des kleinen Grenzverkehrs wurden aufrechterhalten. Die Verkehrskarten wurden nach Ablauf der Oberschlesien-Konvention im Jahr 1937 durch Grenzausweise ersetzt. 

 

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