Oberschlesien und sein kulturelles Erbe -
- Erinnerungspolitische Befunde, bildungspolitische
Impulse und didaktische Innovationen

Denjenigen, die sich mit der neuen Grenzziehung nicht abfinden mochten, gewährleistete die Genfer Oberschlesien-Konvention das Recht, jeweils auf die andere Seite der Grenze überzusiedeln. Wer sich das Leben in Deutschland bzw. Polen nicht vorstellen konnte oder wollte, hatte die Möglichkeit, per Option die Staatsangehörigkeit des Staates anzunehmen, mit dem er sich identifizierte und erhielt so das Recht, sich auf dem Gebiet dieses Staates niederzulassen. Dies bedeutete nicht selten den Umzug in eine neue Behausung, die nur wenige Kilometer vom bisherigen Wohnort entfernt war.

Zwischen 1922 und 1924 nutzten rund 200.000 Oberschlesier, die sich zum Deutschtum bzw. Polentum bekannten, dieses Recht. Solche Personen wurden als Optanten bezeichnet (in Deutschland nannte man sie auch „Flüchtlinge“, in Polen dagegen „Repatrianten“.

Ihre Häuser verließen nicht nur Aktivisten der Abstimmung aus Angst vor möglichen Repressalien: Auch viele, die bis dahin kein politisches Engagement gezeigt hatten, entschlossen sich zur Auswanderung. Die einen wollten als deutsche Staatsbürger in Deutschland leben, die anderen ihre Träume von einem polnischen Oberschlesien verwirklichen.

In der ersten Hälfte des Jahres 1922 wimmelte es in den regionalen Zeitungen von Wohnungs­tauschanzeigen. Angeboten wurden die Wohnungen im polnischen Teil Oberschlesiens, gesucht die im deutschen Teil der Region und umgekehrt. Auch informierten zahlreiche Firmen über den Wechsel ihrer bisherigen Sitze.

Die Folge dieser Migration war eine Übervölkerung der Städte. Ein Großteil der Optanten musste bis in die 1930er Jahre hinein in primitiven Baracken am Rande der Industriestädte leben. Erst im Laufe der Zeit konnten entsprechende Neubausiedlungen geschaffen werden.  

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