Oberschlesien und sein kulturelles Erbe -
- Erinnerungspolitische Befunde, bildungspolitische
Impulse und didaktische Innovationen

 Wie kam es zur Grenzziehung in Oberschlesien?

 

Die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten im Ersten Weltkrieg brachte dem mitteleuropäischen Raum eine politische Neuordnung. Der Vertrag von Versailles, den das besiegte Deutschland und die siegreichen Entente-Staaten (u.a. Frankreich, Großbritannien und Italien) 1919 unterzeichneten und der den Krieg formal beendete, zwang das Reich zu territorialen Konzessionen im Westen, Osten und Norden. Polen gewann den größten Teil der Gebiete wieder, die Preußen während der ersten und zweiten Teilung Polens annektiert hatte, also Posen und Westpreußen. Auch polnische Ansprüche auf Oberschlesien wurden anfangs von den Siegermächten unterstützt. Dies jedoch löste in Deutschland eine Protestwelle aus, die das ganze Land erfasste. Da die Briten eine zu weit gehende Abschwächung des Deutschen Reiches nicht wünschten und Zweifel hegten, ob eine Durchsetzung der polnischen Forderungen wünschenswert sei, ordnete der Oberste Rat der Alliierten Mächte eine Volksabstimmung an. Ihr Ergebnis sollte über die künftige staatliche Zugehörigkeit der Region entscheiden.

Oberschlesien, das seit dem Mittelalter außerhalb des polnischen Staatsverbandes lag, gehörte nacheinander zum Königreich Böhmen, zur Habsburger Monarchie und zum Königreich Preußen, um schließlich 1871 mit Preußen Teil des Deutschen Kaiserreichs zu werden. Die Landbevölkerung in den Gebieten östlich der Linie Kreuzburg - Oppeln - Neustadt - Ratibor sprach im Alltag mehrheitlich einen polnisch-oberschlesischen Dialekt, was allerdings nicht ohne weiteres auch Einfluss auf ihre nationale Identität hatte. Im Westen der Region, in den Landkreisen Neiße, Falkenberg und Grottkau sowie in allen größeren Städten dominierte die deutsche Sprache. Eine klare kulturelle und sprachliche Grenze ließ sich hier jedoch nicht ziehen; ein Großteil der Bevölkerung war in beiden Sprachen und Kulturen beheimatet. Ähnlich wie in anderen mitteleuropäischen Grenzländern war auch in Oberschlesien nicht die Sprache, sondern das subjektive Empfinden einer nationalen Zugehörigkeit entscheidend. Viele Oberschlesier hatten ein stark ausgeprägtes Regionalbewusstsein und mochten sich weder mit den Deutschen noch mit den Polen identifizieren.

In den Jahren 1919 und 1920, also noch vor dem Plebiszit, erschütterten zwei Aufstände die Region, die sich gegen die Deutschen richteten und bürgerkriegsähnliche Formen annahmen. Ein dritter Aufstand brach nach der Abstimmung Anfang Mai 1921 aus und galt nicht dem Deutschen Reich, sondern dem Obersten Rat der Alliierten. Mit aktiver und passiver Unterstützung Frankreichs sollte eine für Polen günstigere Grenzziehung erreicht werden. Das Aufstands­unternehmen, bei dem Erhebung, Kämpfe paramilitärischer Verbände wie dem sogenannten deutschen „Selbstschutz“ und die Invasion regulärer polnischer Truppen ineinandergriffen, forderte einen hohen Preis: Als Anfang Juli 1921 nach achtwöchigen Kämpfen die Waffen endlich schwiegen, waren mehrere tausend Tote und Verletzte unter Zivilisten und Kämpfern gleichermaßen zu beklagen, ganze Landstriche verwüstet und die Bevölkerung demoralisiert. Zugleich hatte das Vertrauen in das Völkerrecht und in die Versailler Friedensordnung schweren Schaden genommen.

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